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Lokaljournalismus 2.0 – der Heddesheimblog und sein Macher

„Unsere Berichterstattung ist kein Bratwurstjournalismus wie beim Mannheimer Morgen“

Vor Kurzem war ein Interview vom amerikanischen Medienprofessor Jeff Jarvis zur Zukunft des Journalismus und der Tageszeitungen auf FAZnet zu lesen. Blogs, Onlineportale etc. machen den Zeitungen bereits zu schaffen und nehmen ihnen Leser weg. Anstatt sich der eigenen Leserschaft mit den Möglichkeiten von Social Media zu öffnen, wollen die Online-Zeitungen mit kostenpflichtigen Angeboten ihre Leser an sich binden. Dass man Neues wagen kann und damit erfolgreich ist beweist der Heddesheimblog. Die lokale Online-Zeitung in Blogformat erfreut sich bereits einer hohen Leserschaft – und das nicht nur regional. Mit dem Gründer, Hardy Prothmann, sprach Wörterladen über die regionale Macht des heddesheimblogs und seine Arbeit als Journalist. Dabei nimmt der Vollblut-Journalist kein Blatt vor den Mund.

Harry Prothmann, Journalist, heddesheimblog, LokaljournalismusWörterladen: Sie schreiben in Ihrem Beitrag auf berliner-journalisten.com, dass die Zukunft des Regionaljournalismus im Internet liegt. Können Sie das näher erläutern? Sollen Lokalredaktionen sich von den Zeitungen abspalten und ihren eigenen Blog eröffnen?

H. Prothmann: Das ist ein Szenario, dass früher oder später eintreten könnte. Die Verlage sind Druckmaschinenbetreiber. Diese Maschinen, das Produkt, die Verteilung sind sehr teuer. Überall im Land werden Redaktionen aufgelöst oder zusammengefasst. Die Berichterstattung in der Fläche geht zurück. Hier öffnen sich Chancen für lokale Angebote im Internet. Wie das heddesheimblog zeigt, kann man aber auch in Ballungsräumen (Rhein-Neckar-Kreis ist der 7. größte Ballungsraum in Deutschland) Erfolg haben.
Ich habe bereits zwei festangestellten Kollegen das Angebot gemacht, bei mir einzusteigen. Noch sind sie nicht darauf eingegangen, weil sie vermutlich dass Risiko nicht eingehen wollen. Risikobereit muss man als Unternehmer aber sein.

Wörterladen: Ihr heddesheimblog ist nicht nur bei den 11.500 Heddesheimern in aller Munde. Ihre Seitenzugriffe belaufen sich auf mehr als eine halbe Million. Was haben Sie gemacht, um den Blog bekannt zu machen?

H. Prothmann: Einfache Antwort: Ich habe angefangen zu berichten, das hat sich herumgesprochen. Den Rest erledigt Google. Meine Leserinnen und Leser haben bemerkt, dass das nicht irgendein Blog ist, auf dem jemand sich über Gott und die Welt Gedanken macht, sondern eine journalistische Plattform mit frischen News, harten Fakten und investigativem Journalismus, aber auch Humor und Lebensnähe. Beispielsweise schreibt meine Kolumnistin Gabi jeden Montag Geschichten aus der Welt der Frauen – sie recherchiert dafür in ihrem weiblichen Freundeskreis.

Unsere Berichterstattung ist kein Bratwurstjournalismus wie beim Mannheimer Morgen. Da wimmelt es von “gnädigen Wettergöttern”, “geschwungenen Tanzbeinen”, “tollen Erfolgen” usw. Das ist nur langweilig. Wir schreiben korrekt, aber flott. Und: Wir schreiben viele Meinungsartikel. Das interessiert die Menschen: Eine Meinung, eine Haltung.
Dabei ist es wichtig, nicht einfach zu sagen: Gut oder schlecht, sondern die Meinung zu begründen. Die Meinungsbeiträge werden mit harten Fakten unterlegt und das merken die Leserinnen und Leser. Die Kommentare “laufen” regelmäßig am Besten.

Wörterladen: Ihr heddesheimblog polarisiert. Sie greifen nicht nur Veranstaltungshinweise und Porträts in und um Heddesheim auf, sondern packen auch brisante Themen wie den Bau eines Logistikzentrums sowie die Kommunalwahl an und berichten offen und ehrlich darüber. Sie wurden wegen Ihres investigativen Journalismus‘ schon mehrmals verbal, aber auch körperlich angegriffen. Rückhalt bekommen Sie von Ihren treuen Lesern. Gibt es aber auch Journalisten/ Redakteure, die Ihnen Lob entgegenbringen? Wie halten Sie dem äußeren Druck stand?

H. Prothmann: Ich halte dem Druck stand, weil ich seit 20 Jahren Journalist bin und nie Druck nachgegeben habe. Insofern habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. Was die Angriffe angeht: Das ist abhängig vom Standpunkt. Ich sage, ich bin mehrfach “angegangen” worden. Das heißt, ich wurde geschubst und am Arm gepackt und man hat mir Konsequenzen (juristisch, körperlich) angedroht. Ich stecke das locker weg, weil ich diese Dummköpfe, die sich nicht anders zu helfen wissen, einfach verachte. Andere Menschen, die nicht so hart im Nehmen sind, könnte diese Art allerdings beeindrucken – Rückzug wäre die natürliche (und für mich auch nachvollziehbare) Folge. Deshalb wird ja auch gedroht.

Als mir irgendein Vollidiot allerdings ein Nagelbrett vor einen Reifen gelegt hat, wurde es mir schon mulmig. Nicht wegen mir, meine Frau fährt das Auto und transportiert damit Kinder. Wir waren alle zunächst negativ beeindruckt, dann hat meine Frau gesagt: “Jetzt erst recht. Ich lasse mich doch von so einem nicht beeindrucken.” Starke Reaktion. Der Staatsanwalt in Mannheim ermittelte übrigens wegen einer “politisch motivierten gemeingefährlichen Straftat”. Da es aber keine Zeugen gibt, wird das eingestellt.

Wörterladen: Noch stemmen Sie den heddesheimblog fast im Alleingang. In einem Interview mit dem onlinejournalismus.de sagten Sie, es koste sie täglich 16 Stunden Arbeit. Wie viele Artikel verfassen Sie am Tag? Wie lange brauchen Sie für einen Artikel mit Recherche, Bildsuche? Ist Ihr Kopf nicht nach 10 Stunden zu voll, um noch die richtigen Worte aufs Papier zu bringen  oder macht das Ihre jahrelange journalistische Erfahrung wett?

H. Prothmann: Wie soll ich darauf antworten, ohne arrogant zu klingen? Am besten so, wie ich denke: Ich glaube nicht, dass es viele Journalisten gibt, die das können, was ich mache. Die Arbeitsbelastung ist enorm hoch, ich arbeite zu allen Themen, ob Politik, Wirtschaft, Kultur, Vereine oder Sport. Was eben lokal so anliegt. Gleichzeitig habe ich mir nebenbei alle technischen Kenntnisse angeeignet, die ich brauche, um Server, Software usw. zu bedienen. Durchschnittlich erscheinen pro Tag drei bis vier Artikel, sieben oder acht sind auch keine Seltenheit.
Dazu kommen massive Behinderungen durch den Heddesheimer Bürgermeister Michael Kessler und denen, die ihn unterstützen. Mir werden Informationen verweigert, ich werde nicht auf Termine eingeladen, die Konkurrenz wird bevorzugt. Und ich mache etwas, was in dieser Form nur wenige in Deutschland bislang gemacht haben. Andere behaupten sogar, ich wäre der einzige.

Ich habe während des Studiums als Freier Mitarbeiter beim Mannheimer Morgen angefangen, habe dann bei Radio Dortmund bimedial hospitiert, beim SDR-Fernsehen und beim BR-Wirtschaftsfunk. Später war ich als Pauschalist sieben Jahre Fachredakteur bei der Medienzeitschrift CUT.

Mein Glück ist: Ich habe mit sehr vielen hervorragenden Kollegen zusammengearbeitet und dabei enorm viel gelernt. Der Dank gilt diesen Personen, mit denen mich teils eine sehr lange Freundschaft verbindet. Man muss also eine Affinität zur Technik haben, Recherche beherrschen und Schreiben können. Dazu habe ich Hörfunk- und Fernseherfahrung. Das alles kommt mir bei der Arbeit zugute. Wichtig ist: Erfahrung ist gut, Routine schlecht – denn die führt zur Nachlässigkeit. Das ist aber auch in anderen Berufen so.
Meine Frau unterstützt mich organisatorisch. Mit Horst Pölitz habe ich einen ersten Mitarbeiter; ein früherer Polizist, der im Ruhestand ist, sich aber enorm einsetzt und lernbegierig ist.

Wörterladen: Nachdem Sie sich fast vollständig dem heddesheimblog verschrieben haben und hierbei keine Gelegenheit verstreichen lassen, den Mannheimer Morgen anzugreifen: Haben Sie Probleme, weiterhin Aufträge von Zeitungen/ Zeitschriften zu bekommen? Oder haben Sie mit dem Auftragsjournalismus aufgehört?

H. Prothmann: Googeln Sie mal, was andere von meinen Angriffen auf die typische Lokalpresse halten. Die allermeisten Kollegen, selbst solche, die bei Lokalzeitungen arbeiten, bestätigen meine Vorwürfe. Die Branche ist überwiegend am Ende.

Ganz klar ist, es gibt in Deutschland auch ambitionierten Lokaljournalismus. Es gibt viele Kollegen, die eine herausragende Arbeit leisten, Journalisten mit dem Herz am rechten Fleck, die ihren Job lieben und ihre Leser ernst nehmen. Aber es sind leider nur wenige und es werden immer weniger. Die Monopolstrukturen plus schlechte Arbeitsbedingungen plus miese Honorare fressen zuerst die Seele und dann den Verstand auf. Sie haben vorhin schon festgestellt, dass ich gerne polarisiere. Hier der Beweis: Was viele deutsche Lokalzeitungen ihren Lesern vorsetzen, ist meist noch schlechter als Bratwurstjournalismus. Das ist journalistisches Gammelfleisch. Ungenießbar.
Was andere Aufträge angeht: Ich mache ab und an Recherchen, die gut bezahlt werden, schreibe auch hin und wieder einen Artikel. Die Kollegen, für die ich als Honorarschreiber arbeite, kennen mich und schätzen meine Arbeit. Ich konzentriere mich aber auf meine Blogs. Bis Ende 2010 müssen die profitabel sein, sonst muss ich wieder Aufträge akquirieren. Mein Ziel ist aber: Ich möchte Aufträge an motivierte Mitarbeiter vergeben und diese gut bezahlen. Da will ich hin.

Wörterladen: Was haben Sie vor Ihrem Heddesheimblog von Blogs gehalten? Gibt es welche, die Sie schon aus beruflicher Sicht gelesen haben?

H. Prothmann: Die Diskussion um Blogs hat mich gelangweilt. Ich habe gedacht: So ein Blödsinn, wieso sollen Bürgerblogs den Journalismus bedrohen? Sicher kann jeder Bürger Journalist sein, der Begriff ist ja nicht geschützt und wenn ein Bürger etwas veröffentlicht, hat er journalistisch gearbeitet. Es gibt aber einen deutlichen Unterschied, ob man das gelernt hat und davon leben will oder es nebenbei macht.
Mittlerweile bin ich überzeugt, dass die Zukunft des Lokaljournalismus im Internet liegt.Ich kam zufällig zu meinem ersten Blog. Da habe ich privat Recherchen ins Netz gestellt. Einige Wochen später wurde daraus das heddesheimblog und bei mir reifte die Idee, daraus ein Geschäft zu machen.

Ich lese jede Menge Medien online, darunter auch Blogs, die für mich als Informationsquelle nicht mehr wegzudenken sind: politik-digital.de, carta.de, blog.kooptech.de besuche ich beispielsweise regelmäßig. Sehr interessant finde ich freitag.de. Aber es gibt noch viel mehr, die ich hier nicht alle aufzählen möchte. Ich habe gerade eine Notiz gemacht, dass ich mal eine Übersichtsseite dazu machen sollte – irgendwann.

Wörterladen: Herzlichen Dank, Herr Prothmann, für das ausführliche Interview und Ihre offenen Worte. Die Zeit wird zeigen, ob mehr Menschen Ihrem Beispiel folgen und lokale Blogs für eine interessierte Leserschaft errichten – wie es in USA schon länger der Fall ist.

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