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Artikel-Schlagworte: „Themenaufbereitung für die Medien“

Focus online im Fokus der Pressearbeit

Dienstag, 3. November 2009

Pressearbeit zeichnet sich nicht dadurch aus, mehrmals im Monat Pressemeldungen an einen großen Medienverteiler zu versenden, sondern zu wissen, welche Medien, welches Thema wünschen. Und dieses so zu besetzen und aufzubereiten, dass sich die Redakteure dafür interessieren. Dabei tickt jedes Medium anders. Wie? Das will Wörterladen Blog für seine Kunden herausfinden.

bjoern_sievers_hochWir beginnen unsere Reihe mit Focus Online. Die Nachrichtenplattform bietet aktuelle und nutzwertige Inhalte in allen zielgruppenrelevanten Bereichen wie Finanzen, Telekommunikation, Wissen, Reisen, Kultur, Gesellschaft oder Politik. Es richtet sich mit seinen Inhalten an Meinungsbildner, Entscheider und Innovatoren unserer Gesellschaft mit einer hohen Onlineaffinität. Dem Interview stellt sich Björn Sievers, stellv. Ressortleiter Wirtschaft/ Finanzen bei Focus online.

Wörterladen: Wie hebt sich FOCUS Online von anderen Nachrichtenportalen ab? Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal?
B. Sievers: FOCUS Online steht im Kern auf drei Säulen: aktuellen Nachrichten, Hintergrundberichten, Nutzwert-Artikel und entsprechende Tools wie etwa ein stets aktueller Tages- und Festgeldvergleich sowie einer starken Community. Vor allem den letzten Bereich haben wir unlängst weiter ausgebaut. Bei FOCUS Online kann man nicht nur Artikel kommentieren, sondern inzwischen auch Notebooks, Banken und Politiker bewerten. Für uns sind diese Rückkanäle inzwischen zu einem sehr wichtigen Teil unserer journalistischen Arbeit geworden. Denn wir erhalten immer wieder wichtige Hinweise von unseren Nutzern. Wir können Stimmungen aufnehmen, und wir erhalten handfeste Themenvorschläge, die wir immer wieder berücksichtigen.

Wörterladen: Was unterscheidet FOCUS Online von der Printausgabe, außer dass es täglich neue Themen zu bieten hat?
B. Sievers: FOCUS Online wird von einer eigenständigen Redaktion gemacht. Gemeinsam ist beiden Publikationen der starke Fokus in Richtung Leser, dem wir immer erklären wollen, was eine politische Entscheidung oder wirtschaftliche Entwicklung für ihn bedeutet. Darüber hinaus arbeiten Print und Online sehr gut zusammen. Viele Magazin-Kollegen denken bei ihrer täglichen Arbeit für Online mit und bieten uns Themen an, die sie fürs Heft nicht unmittelbar verwenden können. Das reicht von einer kurzen Analyse nach Bilanzpressekonferenz eines Dax-Konzerns bis zur exklusiven Geschichte, von der der FOCUS-Redakteur weiß, dass er sie nicht bis zum Wochenende halten kann.

Die Arbeitsweise ist dagegen äußerst unterschiedlich. Ein gutes Magazin kann vermutlich nur aus einer gewissen Ausgeruhtheit entstehen. Wir sind dagegen für die tägliche, zuweilen minütliche Einordnung zuständig. Ein Job, der nicht immer ganz leicht ist.

Wörterladen: Welche Themen sind außer der Wirtschaftskrise, Insolvenzen und Entlassungen gerade interessant für Sie?
B. Sievers: In der Wirtschaftsberichterstattung befinden wir uns gerade in einer Art Vakuum. Über die Finanzkrise ist vermutlich alles geschrieben, über Opel auch – egal wie die Entscheidung letztlich ausgeht. Die alte Regierung konnte nur noch auf die Finanzkrise reagieren, die neue ist noch nicht lang genug im Amt, um ihre Ecken und Kanten zu zeigen, an denen sich Journalisten reiben können. Aber das wird sich ändern, spätestens wenn die ersten Reformvorhaben Gestalt annehmen und wenn die Wirtschaft entweder wirklich anzieht oder die Arbeitslosigkeit doch noch in die Höhe schnellt.

Wörterladen: Wie können auch kleine unbekannte Unternehmen thematisch bei Ihnen punkten? Was muss ein Thema mitbringen, damit Sie darauf anspringen?
B. Sievers: Da lässt sich nichts beschönigen: Unbekannte haben es immer schwerer als die großen Bekannten. Eine Chance haben sie dennoch, vor allem dann wenn sie originell oder außergewöhnlich sind. Wir stellen zum Beispiel gerade in loser Folge ungewöhnliche Wertpapiere vor. Bedeutend ist keines von ihnen, wenn man Maßstäbe wie Marktkapitalisierung anlegt. Doch sie alle sind etwas besonders, seltene Pflänzchen in der Geldanlage. Und das macht sie zu Themen.

Wörterladen: Wie recherchieren Sie nach Themen? Was ist Ihre Hauptinformationsquelle?
B. Sievers: Für die schnelle Berichterstattung greifen wir auf Agenturen zurück, wir beziehen die Dienste der fünf größten Agenturen in Deutschland und haben zusätzlich ein paar Spezialdienste abonniert. Unser Herz hängt allerdings an den Autorengeschichten, die das journalistische Profil von FOCUS Online bilden – und in die wir einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeitszeit investieren. Die wesentlichen Recherchemittel sind dafür – ganz klassisch – das Telefon und natürlich das Internet. Für viele Themen können wir auch FOCUS Kollegen in den Büros in Berlin, Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt ansprechen.

Wörterladen: Wie viele Pressemeldungen bekommen Sie am Tag? Wandert das meiste bereits aufgrund der Betreffzeile in den virtuellen Papierkorb?
B. Sievers: Ich habe sie schon lange nicht mehr gezählt. Wir verwenden sehr wenige Pressemitteilungen direkt für die Berichterstattung. Für schnellere und kleinere Geschichten sind die Nachrichtenagenturen unser erster Filter; unsere Schwerpunkte recherchieren wir gerne selbst. Vermutlich ist – zumindest in der Wirtschaft – der häufigste Fall einer verwendeten Pressemitteilung die Studie, die wir vorab haben, um sie mit mehr als einer simplen Meldung aufzubereiten.

Wörterladen: Was ist für Sie eine gute Pressemeldung? Wie kann Ihre Aufmerksamkeit geweckt werden?
B. Sievers: Für uns ist es immer angenehm, Informationen vorab zu haben, weil wir uns dann besser vorbereiten können. Das bedeutet für die andere Seite, also die Pressearbeit, dass sie für uns eher funktioniert, wenn sie passgenau ist. Was mit der großen Gießkanne gestreut wird, hat selten eine Chance. Eine Ausnahme bilden allenfalls höchstrichterliche Urteile, die natürlich allen zur gleichen Zeit zur Verfügung stehen, die für uns als Nutzwertportal aber eine besondere Bedeutung haben.

Wörterladen: Wie Sie anfangs bereits sagten, Focus online setzt nicht nur auf Berichterstattung, sondern auf die Meinung ihrer Leser. Ist das auch ein Grund, warum Sie twittern? Um am Puls der Leser zu sein?
B. Sievers: Privat habe ich im Mai 2007 angefangen zu twittern, weil ich neue Dinge im Netz immer gleich ausprobieren muss. Ich habe dann allerdings mehr als ein Jahr gebraucht, um zu verstehen, was Twitter für mich bedeutet. So etwa vor einem Jahr hat sich Twitter in der Reihenfolge meiner persönlichen Informationstools an die erste Stelle noch vor RSS geschoben. Ich bekomme gerade zu Themen aus dem Bereich des digitalen Lebens die Dinge immer zuerst über Twitter mit. Ein sehr effizienter Weg, auf dem Laufenden zu bleiben.

FOCUS Online twittert, weil der Dienst eine Möglichkeit ist, unsere Leser ebenso wie neue Nutzer zu erreichen. Wir wissen schon sehr lange, dass unsere Nachrichten nicht allein über die Homepage wahrgenommen werden. Zwar sind soziale Medien wie Twitter und Facebook, wo wir auch eine Seite haben, heute noch nicht so bedeutend, wie Google. Doch der Traffic aus diesem Teil des Netzes wächst. Darüber hinaus müssen wir auch als Redaktion verstehen, wie Social Media Kommunikation und Medienrezeption verändert. Und da ist es am besten, einfach mitzumachen.

Wörterladen: Wie wichtig ist Ihnen und FOCUS Online Social Media?
B. Sievers: Social Media, vor allem Twitter, ist inzwischen die Nummer eins bei mir, also ungefähr das, was Mailinglisten vor zehn Jahren waren. Ich glaube, dass die Teilhabe an diesen Diensten weiter wachsen wird und dass sie die Medienlandschaft in den kommenden Jahren mit verändern, ja vielleicht sogar mit prägen werden. Journalisten werden wegen Social Media ihre Rolle neu definieren müssen, wir werden mehr Moderatoren und weniger Welterklärer sein. Damit wächst auch die Bedeutung von Social Media für ein Portal wie FOCUS Online. Wir geben unseren Nutzern immer mehr Möglichkeiten, sich zu äußern – bei uns, auf Twitter oder Facebook. Diese Kanäle werden in den kommenden Jahren eher noch Zuwachs bekommen.

Wörterladen: Herzlichen Dank, Herr Sievers, für das informative Gespräch.